Lars Kempin schreibt am 16. September 2014

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Seminar halten

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Intern war gestern

 

Es brauchte erst ein Seminar, um meine Sicht auf die Interne Kommunikation zu verändern. Oder besser den Blick dafür zu schärfen. Ein Seminar, für das mich das imk (Institut für Marketing und Kommunikation) Wiesbaden als Dozent engagiert hat, damit ich den MBA-Studenten das Thema näher bringe. Schnell war mir klar, dass ich vier Tage Frontalunterricht nicht überleben würde, sondern die Studenten und mich nur über eine explorative und workshopartige Veranstaltung bei Laune halten könnte. Und dass ich dafür einen kongenialen Co-Dozenten brauchte. Der war schnell gefunden. Thilo Specht, mein ehemaliger Kollege bei Burson-Marsteller und jetzt Kopf hinter cluetrain PR , ist so ein Typ, mit dem man über ein Thema dozieren kann, auch ohne Track Record oder Visitenkarte, auf der „Experte für Interne Kommunikation“ steht.

Aber wie entscheidend ist das eigentlich? Ist es nicht vielmehr eine Bereicherung, sich mit acht Studenten vier Tage lang gemeinschaftlich einem Thema zu widmen? Ist es nicht genau das, was Interne Kommunikation erreichen will? Den Austausch von Informationen innerhalb einer Gemeinschaft, der klüger macht und einen emotional packt?

Interne Kommunikation ist alles andere als tote Materie. Leider wird das Thema oft so behandelt. Wer sie als dröge Disziplin versteht und entsprechend schnarchig vermittelt, ignoriert, dass es Mitarbeiter gibt, die wegen schlechter oder nicht vorhandener Interner Kommunikation kündigen bzw. dauerhaft demotiviert über das Firmengelände schlurfen. Interne Kommunikation ist vor allem Empirie. Etwas, was jeder kennt, der schon mal einen Fuß in ein Unternehmen gesetzt hat. Sei es als Praktikant, Festangestellter, Freelancer, Abteilungsleiter oder vielleicht sogar Chef. Wir haben also alle etwas zu Interner Kommunikation zu sagen, weil es uns alle angeht und betrifft.

Unser Gegenüber – die acht MBA-Studenten des imk – waren bereit, sich auf eine interaktive Durchdringung des Themas einzulassen. Nach einer kurzen Einführung in das Selbstverständnis der Internen Kommunikation, die sich einerseits als strategische Führungsaufgabe und andererseits als operatives Instrument versteht, haben wir über drei Ziele gesprochen: Mitarbeiter informieren, sie befähigen und motivieren und emotional an das Unternehmen binden. In den Gesprächen mit den Studenten wurde deutlich: Interne Kommunikation ist vor allem eins, ein leidgeprüftes Kind. Denn es gibt kaum ein Unternehmen, in dem sich die Mitarbeiter nicht darüber beklagen, dass schlecht kommuniziert wird.

Ein unbefriedigender Ist-Zustand insbesondere deshalb, weil die Interne Kommunikation ein Spiegel der Unternehmenskultur ist. Die Verantwortung intern besser zu kommunizieren, aber am liebsten weg – weit weg – delegiert wird, obwohl alle Mitarbeiter, die in einem Unternehmen verbunden sind, jeden Tag aktiv miteinander kommunizieren. Also selbst mitprägen und mitgestalten, wie miteinander gesprochen wird. Aber unterm Strich soll es der Chef richten oder eine Abteilung, die in großen Konzernen Unternehmenskommunikation heißt. Kann das funktionieren?

Oder anders gefragt: Kann Interne Kommunikation, die entweder so rudimentär praktiziert wird, dass sie einem Phantom gleicht oder als Appell von der Kanzel der Chefetage monodirektional an die Belegschaft gepredigt wird, ihr Potenzial entfalten? Und was ist eigentlich intern und was extern?

Schließlich leben wir in einer Zeit, in der wir uns über Soziale Medien potenziell mit jedem und allen in der Welt mit einem Klick vernetzen können und der Informationsfluss weder vor der besten Firewire, noch vor dem grimmigsten Pförtner kapituliert. Informationen diffundieren – je nach Brisanz – in weitere Teilöffentlichkeiten hinein und so manche macht eine steile Themen-Karriere. Der Karriere-Höhepunkt ist dann die Nachricht im öffentlichen Raum. Mit Schlagzeile und Unkenrufen gespickt, wie schlecht die Interne Kommunikation mal wieder gelaufen sei. Dabei war es doch nur eine vertrauliche Information, die in Form eines internen Memos an den Führungskreis ging.

Ist es ist nicht an der Zeit, die alten Begrifflichkeiten „Interne“ und „Externe“ Kommunikation neu zu denken und ihren ursprünglichen Mandatsträger ein neues Selbstverständnis mitzugeben? Ja, dachten wir. Und das Manifest für Interne Kommunikation war geboren. Ein Manifest, das wir gemeinsam mit den Studenten entwickelt haben. Rauchsäule inklusive. Danke Jess!

Manifest Interne Kommunikation

Weitere Motive in höherer Auflösung zum Angucken, Teilen oder Liebhaben gibt es übrigens auf Pinterest.

 

Ein neues Selbstverständnis

Weil Interne Kommunikation im Zeitalter der totalen Vernetzung auch immer öffentlich ist, sind Mitarbeiter nicht als Adressaten, sondern als eigenständige Zielgruppe, Multiplikatoren und Botschafter zu begreifen. Wie wir reden und was wir reden, schweißt uns zusammen oder auseinanderdriften. Interne Kommunikation kann somit integrieren oder ausgrenzen. Im besten Fall entfaltet sie sich als integrale Kraft aus der Mitte des Unternehmens heraus und wirkt identitätsstiftend nach innen und imagebildend nach außen.

Dabei helfen die Limbic Map bzw. die Limbic Types, mit denen sich die limbische Prägung herausfinden lassen. Gemeint ist damit der emotionale Antrieb, der die Handlungen und Entscheidungen jedes Individuum und damit auch Mitarbeiters bestimmt. Diese Prägung ist auch für unsere Berufswahl mit entscheidend. Das bedeutet, dass man Buchhalter, Vertriebler, IT’ler, Marketeers etc. nur dann mit einer Botschaft abholt, wenn man sie emotional entsprechend ihrer individuellen Prägung packt – und nicht bloß mit ein und der selben rationalen Ansprache, die am besten noch mit Informationen überladen ist – flutet. Oder wie Jutta im Seminar viel treffender sagte: besudelt.

 

State of the World Address vs. Trip to Silicon Valley

 

Zwei Videos, die unterschiedlich nicht sein könnten. Beide adressieren Mitarbeiter, aber auch externe Zielgruppen und verkünden etwas Neues. Das Springer-Video hat wenig Informationsgehalt, dafür authentische Zitate und eindrucksvolle Bilder. Mit dem Ergebnis, dass man den Transformationsprozess emotional begreift. Die neue Unternehmenskultur wird vorgelebt. Und am Ende fällt es einem wahrscheinlich gerade deswegen auch so verdammt schwer, Springer für dessen Offenheit, Transparenz und Bemühungen ein digitales Medienhaus zu werden, nicht zu mögen.

Dagegen wirkt René Obermann wie ein Zinnsoldat. Der Ex-Chef der Telekom predigt zwar nicht von der Kanzel (es ist ja nur ein gewöhnlich weißer Hintergrund), dafür appellativ und voll gepackt mit Informationen. Informationen, die mit unserem Kortex sprechen, also mit unseren kognitiven Teil des Gehirns. Mit dem Resultat, dass unser limbisches System nicht anspringt und wir nach kurzer Zeit auf Durchzug schalten. Interessant ist übrigens auch, dass erst die Presse und dann die Mitarbeiter informiert wurden. Zumindest klingt es so. Aber das nur als Randnotiz.

 

Integral oder voll egal

Während des Seminars wurde mir auch wieder bewusst, wie sehr der Raum, in dem man sich befindet, die Kommunikation und Leistungsbereitschaft prägt. Am zweiten Tag haben wir im Innenhof des imk den Grill angeschmissen und draußen in der Sonne verbracht. Meine Überzeugung, dass Rudeltexten – also das Erarbeiten von Texten in der Gruppe noch dazu erschwert durch massive Sonneneinstrahlung – nicht fruchtet, wurde eines Besseren belehrt. Es funktionierte sogar phänomenal. Das Ergebnis dieses Prozesses ist unser Manifest. In einer Sache gemeinsam aufzugehen, kann so einfach sein: Sorge für ein gutes Raumgefühl. Drinnen oder draußen. Schmeiß den Grill an. Leg ordentlich was auf. Beteilige alle Anwesenden beim Entstehungsprozess und jeder wird sich mit dem Resultat identifizieren.

Interne Kommunikation hat für mich heute mehr denn je eine integrale Funktion, die eine Wertegemeinschaft, wie es Unternehmen nun mal sind, zusammenhält. Gerade weil die Grenzen zwischen intern und extern so fließend und durchlässig sind, braucht man ein stabiles Inneres. Einen harten Kern. Den kann ich nur formen, wenn alle im Unternehmen daran mitformen. Das wiederum geht nur, wenn sich alle mit dem Unternehmen identifizieren. Dafür müssen Mitarbeiter mitgestalten dürfen. Interne Kommunikation ist deshalb immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Als Chef oder Kommunikationsleiter muss ich den Kommunikationsstil vorleben und auf den drei Ebenen, informativ, edukativ und emotional, die richtigen Kommunikationsinstrumente installieren.

Dreht es wie ihr wollt. Für mich gibt es nur einen Weg, Menschen für eine Sache zu mobilisieren: Es ist der Weg der Integration und der steigert die Integrität. Dafür war das Seminar das beste Beispiel.

Und deswegen ist für mich der Begriff „Interne Kommunikation“ auch nicht mehr zeitgemäß. Denn er assoziiert meist eine Top-Down-Praxis und tut vor allem so, als ob Kommunikation an Unternehmensgrenzen halt mache. Beides setzt die falschen Signale. Manchmal muss man eben ein Seminar halten, um auf neue Gedanken zu kommen. Die habe ich jetzt:

Interne Kommunikation ist tot. Es lebe die Integrale Kommunikation!

 

Kommentare

  1. Alex Schubert

    Hallo Lars, schön mal wieder was von dir zu hören. Hab gesehen du bist ja jetzt in Hamburg. Wie läuft’s bei Blood Actvertising? Wollen wir uns mal auf einen Kaffee treffen?

    Viele Grüße
    Alex (ehemals Brand Union)

    1. Lars Kempin Artikelautor

      Schön, dass Du über unsere Seite und den Blogbeitrag gekommen bist. Es läuft gut. Komm doch mal in der Brunnenhofstraße vorbei. Ich komm dann im Gegenzug auch gerne auf deine Facebook Party.

  2. Alex Schubert

    Uuups, der Kommentar war eigentlich eher privat (interne Kommunikation ha ha). War nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Ein Glück, dass ich nicht zur Facebook-Party bei mir zuhause eingeladen habe ;-))))

  3. Pingback: Viva la Revolución! - INJELEA Blog

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